Wohin will Renzo Rosso?

Renzo Rosso und Nicola Formichetti, Diesel Reboot.

Renzo Rosso und Nicola Formichetti, Diesel Reboot.

Mit dem Neuerwerb von Nicola Formichetti als Creative Director bei Diesel hat Renzo Rosso einen weiteren Schritt in Richtung Global Fashion Player getan.
So unglaublich sein bisheriger Lebensweg – vom Bauersjungen über Jeans-Genie zum international bekannten Modeunternehmer – so vielversprechend ist derzeit die Zukunft der Only The Best Group (OTB), die er scheinbar nebenher aufgebaut hat.
Eine Hoffnung für die kränkelnde italienische Modebranche und ein mögliches Gegengewicht zu LVMH und Kering (früher PPR)?

Als Sohn eines Bauern in Norditalien entschied sich Renzo Rosso zum Studium der Textilherstellung am Marconi Technical Institute in Padua, und damit bewusst gegen den Lebensweg seines Vaters, der später lange Zeit kritisch gegenüber der Berufswahl seines Sohnes blieb.
Anschließend studierte Rosso Wirtschaft an der Universität Venedig, brach das Studium jedoch ab, um bei Moltex, einer Tochterfirma der von Adriano Goldschmied geführten Genius Group, als Production Manager zu arbeiten. Goldschmied sollte später Rossos Mentor und Geschäftspartner bei Diesel werden, während Rosso im Gegenzug Aktionär bei der Genius Group wurde.
Man einigte sich für die gemeinsame Jeansmarke auf den Namen Diesel, weil Diesel damals, 1978, als alternativer Treibstoff und als ein Ausweg aus der Ölkrise gesehen wurde. 1985 folgte der Befreiungsschlag, Rosso tauschte seine Genius-Aktien gegen die Anteile Goldschmieds an Diesel.

Renzo Rosso Photo Steve McCurry. Bild via

Renzo Rosso Photo Steve McCurry. Bild via

Durch geschicktes Marketing, provokante Werbung und Kampagnen, sowie werbewirksame Kollaborationen unter anderem mit Adidas, Karl Lagerfeld oder Graffiti-Künstler Stephen Sprouse und einem aggressiven Expansionskurs, stieg Diesel in den 1990ern und frühen 2000ern zu einer führenden internationalen Marke auf.
Bereits währenddessen begann Rosso, finanziell schwache Unternehmen, deren Potenzial er erkannte, zu akquirieren. 2000 erwarb er Staff International, ein italienisches Unternehmen, das unter anderem unter Lizenz Vivenne Westwood, DSquared und Viktor & Rolf produzierte, 2002 folgte die Aktienmehrheit bei Maison Martin Margiela, 2008 Viktor & Rolf. Im selben Jahr gründete er die OTB Holding, zu der seit vergangenem Jahr auch Marni gehört.
Laut Forbes hat Renzo Rosso einen Net Worth von 3 Milliarden Dollar, eine Summe, die ihn zum zehntreichsten Italiener macht.
Eine Bilderbuchkarriere.

David La Chapelle Kampagne für Diesel

David La Chapelle Kampagne für Diesel. Bild via.

Wo geht es nun hin für Herrn Rosso? In Interviews wird er gerne mit Bernard Arnault und François Pinault verglichen, wogegen er sich – wenn auch nicht besonders energisch – wehrt. So sagte er der italienischen Corriere della Sera, er habe “great respect for luxury, a sector that is doing very well, but it is too conservative. My dream, however, is to be a meeting point for the brands of new generations, who will be future leaders.” Außerdem wolle strebe er nach einem “demokratischeren” Konglomerat. Diese Art Seitenhiebe verteilt er übrigens gerne in seinen Interviews und zeigt so, dass eine Vereinungung von Modeunternehmen unter einer gemeinsamen Schirmorganisation nicht von feindlichen Übernahmen geprägt sein muss, eine Strategie für die vor allem Arnault bekannt ist, noch den einzelnen Firmen ihre DNA nehmen muss. So erklärte er gegenüber WWD, er gebe den Labels und Designern “total independence is a must to make this work. Margiela has remained in Paris and Viktor & Rolf in Amsterdam.” Man wolle die Marken nicht vermengen, dies seien Fehler, die “andere in der Vergangenheit gemacht” hätten und die OTB nicht zu wiederholen wünsche.

Diesel Global Warming Kampagne

Diesel Global Warming Kampagne. Bild via.

Bewusste Abgrenzung also gegen die Superkonglomerate der Franzosen. Dennoch macht die Formierung eines Konglomerats Sinn. Die durch den Zusammenschluss entstehenden Synergien bringen Vorteile, welche allein stehende Unternehmen nicht durchsetzen können. Durch die Bündelung von Power wird vor beispielweise Platzierung ein kontrollierbarer Faktor: Werbeplatzierung in Magazinen, aber auch Shopplatzierung in Malls sind solche Vorzüge. Auch mit seinem Engagement für Talent Scouting, zum Beispiel durch seine Plattform International Talent Support (ITS) ist Renzo Rosso Wegbereiter für junge Designtalente, keine Mangelware in Italien, wenn sie denn auf Förderung stoßen, wie er nicht müde wird, zu betonen.

Diesel Be Stupid Campaign

Diesel Be Stupid Kampagne. Bild via.

Wird Renzo Rosso nun also der selbst Wein und Oliven produzierende Gutmensch der Modekonglomerate, der freundliche Mentor für kränkelnde Modeunternehmen und junge Designtalente, insbesondere, aber nicht nur, der italienischen Mode? Vielleicht ist es genau das, was die italienische Mode braucht, nachdem die Gucci Group sich 1999 in die strategische Partnerschaft mit PPR retten musste, um nicht von LVMH überrannt zu werden, und Prada ihr eigenes Süppchen zu kochen scheint.
Wie dem auch sei, vielleicht ist das eigene Konglomerat die logische Evolution einer Modenation. Nach dem zu urteilen, was es über Rosso zu lesen gibt – sechsfacher Vater, Familienmensch, Teamplayer – nicht der schlechteste Repräsentant für die Moda Italiana.