Death by Internet – Neckermann ist insolvent

Neckermann.jpg
Modelagerräumung bei neckermann.de

Eines der Aushängeschilder des deutschen Wirtschaftswunders, der Versandhandelsriese Neckermann, hat heute, nach einer langen Reihe an Rückschlägen, Besitzerwechseln und Stellenabbau, Insolvenzantrag gestellt.
Damit geht, nach Quelle, eine weitere deutsche Erfolgsgeschichte des Nachkriegsunternehmertums zu Ende.
1948 von Josef Neckermann in Frankfurt am Main gegründet, steht der Versandhandel, und der Slogan “Neckermann macht’s möglich”, zusammen mit den wichtigsten Konkurrenten Quelle und Otto für den rapiden wirtschaftlichen Aufstieg einer Nation.
Nach den entbehrungsreichen Wiederaufbaujahren erkannten diese Unternehmer den Wunsch der Menschen, sich vom Kinderspielzeug bis zum Motorroller eine schier endlose Palette an Produkten bequem nach Hause liefern lassen zu können.

neckermann3.jpg neckermann1.jpg neckermann4.jpg
Neckermann-Kataloge. Bilder via

Der erste Versandkatalog des Unternehmens kam im März 1950 mit einer Auflage von 100.000 Stück heraus, und enthielt 133 preisgünstige Textilartikel. Im Nachkriegsboom wurde der Katalog beständig um neue Produkte, wie Kleinmöbel, Radios, Fahrräder oder Waschmaschinen erweitert, und wuchs schnell auf 300 Seiten heran. Ab den 60er Jahren kamen Versicherungen, Fernreisen und selbst Fertighäuser zur Produktpalette Neckermanns hinzu.
Nach einer Krise in den frühen 70ern fusionierte man mit der Karstadt AG, Josef Neckermann wurde in den Ruhestand verabschiedet, sein Sohn Johannes verließ 1978 als letztes Familienmitglied das Unternehmen.
1999 fusionierte Karstadt mit Quelle zur KarstadtQuelle AG, die später in Arcandor AG umbenannt wurde. Arcandor trennte sich 2007 wieder von neckermann.de und verkaufte an Sun Capital.
Dieser Investor ist es nun auch, der dem Frankfurter Unternehmen den Geldhahn abdreht.

Um dem Internet Respekt zu zollen, benannte sich Neckermann 1996 in neckermann.de um, dort war aber nicht, wie beim Mitbewerber Otto, das Potential und die Bedrohung durch das Web voll verstanden, und angemessen reagiert worden.
Es ist jedoch nicht so, dass der erfolgreiche Wechsel in die neue Ära das Selbstverständlichste der Welt sein muss.
Wie kann sich ein Unternehmen, dessen Struktur auf einem Modell der Nachkriegszeit basiert, dem neuen Wilden Westen anpassen?
Wie kann es sich gegen -eine wachsende Zahl- effizienter, und schickerer, Modeshops, wie gegen Online-Schuhhändler (die auch kriseln), wie gegen amazon.com, ebay.com, behaupten?
Die Analysen, die genaue Aussagen über die konkreten Probleme geben, beiseite gelassen: neckermann.de war als Brand nicht mehr attraktiv, und hat nicht gewirkt, als ob sie in der Lage wäre, technologische Entwicklungen in innovative Plattformen zu übersetzen.
Geld genug war einmal da.

UPDATE, 25.07.2012: Mehrere Interessenten haben bereits bei dem insolventen Versandhändler gemeldet, wollen investieren. Der Versand, Verkauf und Service sollen daher in dieser Woche bereits weitergehen.